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1892 - Umwandlung der Schule

Angelegt von Peter Kuhn

 

Am 22. September 1892 billigte die Regierung die Umwandlung der Heimschule in eine öffentliche Schule. Der Stadtmagistrat erkannte in einem Vertrag dem Haus Marienthal zu, eine protestantisch konfessionelle Stiftungsschule zu führen. Damit war auch neben den Hauseltern die Anstellung eines Lehrer möglich.

1892 - Heimschule wird zur protestantisch konfessionellen Stiftungsschule

Autor: Bert Ackermann

 

Auch die 27jährige aufopfernde Arbeit als Hausvater und Lehrer brachte Jakob Aspacher keine gerechte Altersversorgung. Er hatte als Lehrer einer Heimschule keine Pensionsberechtigung.
Erst am 22. September 1892 billigte nach vielen Eingaben die Regierung die Umwandlung der Heimschule in eine öffentliche Schule.
Der Stadtmagistrat erkannte in einem Vertrag dem Haus Marienthal zu, eine protestantisch konfessionelle Stiftungsschule zu führen.
Jetzt konnte neben den Hauseltern ein eigener Lehrer angestellt werden, weil seine Besoldung gesichert war.
(Seit 1. April 1931 besuchten die Kinder des Hauses, jetzt in Erziehungsanstalt umbenannt, die öffentlichen Schulen.)
Die Zöglinge mussten in Haus und Hof nach Kräften mitarbeiten, denn am Haus mussten auch Umbauarbeiten und Nerungen vorgenommen werden. Ein Bericht von Außenstehenden gibt daavon Zeugnis.
Vom 24. bis 27. Juni 1912 fand in Dresden der Allgemeine Fürsorge-Erziehungstag statt. Rechtzeitig zu diesem Ereignis erschien ein Buch mit wichtigen Beschreibungen und auch zwei Bildern vom Marienthal in Schweinfurt.

Deutsche Fürsorge-Erziehungs-Anstalten in Wort und Bild. Band 1+2. [2 Bd.].
Verlagsbuchhandlung Marhold Halle a. S. 1912 Leinen 721, 409 S.
Untertitel: Die Anstaltsfürsorge für körperlich, geistig, sittlich und wirtschaftlich Schwache Deutschen Reich in Wort und Bild.
Band 1 Seite 577-579 mit zwei Bildern vom damaligen Haus Marienthal:


„Den Typus einer mehr auf städtische Verhältnisse zugeschnittenen Anstalt stellt das Waisen und Rettungshaus Marienthal in Schweinfurt dar. Es verdankt seine Entstehung dem im Frühling des Jahres 1851 auf Anregung des damaligen hiesigen Gymnasialprofessors Herrn v. Jahn gegründeten Hilfsverein, welcher in Erkenntnis der bestehenden Notstände im Dezember des gleichen Jahres den Beschluss zur Errichtungeines Waisen- und Rettungshauses fasste und alsbald so rasch ins Werk setzte, dass schon am 1. April 1852 mit 13 teils verwaisten, teils der Verwahrlosung ausgesetzten Kindern in einem gemieteten Lokal der Anfang zum Rettungsbetriebe gemacht werden konnte. Da sich das Mieterlokal bald als unzureichend erwiesen, beschloss der Verwaltungsrat am 1. Februar 1853 die Erbauung eines eigenen Hauses außerhalb der Stadt. Am 9. August desselben Jahres wurde feierlich der Grundstein gelegt und am 19. Mai 1854 das neue Gebäude bezogen.

Waisen und Rettungshaus1

Waisen und Rettungshaus2

Zwei Jahre später wurde der Bau der Scheune in Angriff genommen, wieder sechs Jahre, später, im Juli 1862, die Erweiterung des Hauses durch den Anbau eines Arbeits- und Schlafsaales beschlossen und durchgeführt, endlich im Sommer des Jahres 1869 das Ökonomiegebäude um ein Stockwerk erhöht und 1892 an der Hinterseite des Wohnhauses ein Anbau für Aborte aufgeführt und damit, abgesehen von den verschiedenen baulichen Änderungen und Verbesserungen im Inneren des Wohngebäudes, die äußere Gestalt des Hauses, wie es jetzt vor Augen steht und wie es die beiden beigegebenen Bilder zeigen, vollendet.
Das Waisen- und Rettungshaus Mariental liegt an der nordwestlichen Peripherie der Stadt in dem landschaftlich schönsten Teil von Schweinfurt, im Tale des Marienbaches auf eine sich zum ehemaligen Stadtwalle hinziehenden, reichlich mit Obst- und Ziergärten bebauten Anhöhe, inmitten von zwei je ungefähr 20 Ar großen Gemüse-, Obst- und Ziergärten und besteht, wie schon erwähnt, aus einem Wohn- und Ökonomiegebäude.Letzteres ist zur Zeit außer Benutzung, da seit fünf Jahren die gesamte Ökonomie verpachtet ist, und wird jedenfalls in nächster Zeit durch Umbau und Ausstattung mit weiteren Wohnräumen und einer Schülerwerkstätte dem Anstaltsbetriebe wieder dienstbar gemacht werden. An der südlichen und westlichen Seite des Wohnhauses befinden sich zwei geräumige Spielplätze für Knaben und Mädchen.
Durch umfangreiche und tief eingreifende Umbauten im Inneren des Wohnhauses wurden im Jahre 1905 sämtliche Wohnräume für die Zöglinge vergrößert und den Forderungen der Neuzeit entsprechend eingerichtet, so das die Anstalt obschon frei von jedem Luxus und allen solchen Bequemlichkeitseinrichtungen, welche die Kinder verweichlichen und verwöhnen und Ihnen ein späteres gutes Fortkommen sehr erschweren würden, allen billigen Anforderungen entspricht und zu den am zweckmäßigsten ausgestatteten gezählt werden darf. – Die Räumlichkeiten sind durch die Unterbringung von 50 Zöglingen – 30 Knaben und 20 Mädchen – berechnet. Sämtliche Wohn- und Schlafräume des Hauses sind mit Dauerbrandöfen versehen. Die Beleuchtung der Räume erfolgt durch Leuchtgas und zwar in der Schule und im Arbeitssaale der Kinder durch indirektes Licht nach den Angaben des Herrn Professors von Eversbusch.
Badegelegenheit ist durch ein ganz neu eingerichtetes, mit allen hygienischen Verbesserungen ausgestattetes Badezimmer gesorgt.
Der gesamte Schulunterricht wird den Zöglingen im Hause in der als öffentliche Schule anerkannten Anstaltsschule nach den Bestimmungen des unterfränkischen Kreislehrplanes durch den als Hausvater angestellten Lehrer erteilt, desgleichen auch seit neuester Zeit der auf Anordnung der königlichen Kreisregierung eingeführte Handfertigkeitsunterricht.
Durch die Errichtung so vieler Anstalten zu Anfang der 50er Jahre innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit war dem Bedarf an Anstalten auf längere Zeit hinaus genügt. Darum kam es in den Jahren welche der ersten Blüteperiode unseres Rettungshauswesens nur zu vereinzelten Neugründungen aus besonderen Anlässen.“

 

1853 - Neubau am Marienbach - Einweihung - Heimschule

 Autor: Bert Ackermann

 

Nach der Kassentrennung hatte der Hilfsverein bei der Jahresversammlung sich zur Errichtung eines Waisen- und Rettungshauses entschlossen mit dem Bekenntnis „Wir wollen dies Werk beginnen im Namen des Herrn, der ihm den Segen nicht versagen wird“. Eile war geboten. Pfarrer Bundschuh stellte seinen in der Johannisgasse 598 gelegenen Privatbesitz zur Verfügung. Am 25 6 1852 hat der Hilfsverein in feierlicher Stunde und unter Anwesenheit der Stadtgeistlichkeit, Vertretern der Staatsregierung, der Stadtverwaltung und vieler Bürger die Anstalt mit neun Knaben und neun Mädchen eröffnet. Die ersten aufgenommenen Kinder waren von der städtischen Armenpflege ausgewählt worden Der Verein stellte als Lehrer und Hausvater Jakob Aspacher an, der zusammen mit seiner Frau und seinem Kind auch im Hause wohnte. Das Haus war sehr klein und stand nur zeitlich begrenzt zur Verfügung, aber dem Kinderbetteln konnte so zunächst Einhalt geboten werden.
Der Verein wandte sich wieder an die Gemeindeglieder und warb zum Kauf von „Haus-Actien“, Wertpapieren mit 3% Verzinsung in Stücken zu 25, 50 und 100 Gulden. Schenkungen von Bargeld und Grundstücken zeigen uns heute beschämend die Opferbereitschaft auch kleiner Leute. „Um der Liebe Christi Willen“ war keine leere Floskel, sondern gab allen Beteiligten immer Mut zum Handeln. Die Kinder bewirtschafteten mit den Hauseltern die überlassenen Grundstücke und konnten so einen Teil der laufenden Kosten selbst decken. Die Kinder wohnten im Hause und wurden dort auch unterrichtet
Mit dem Geld aus dem Verkauf der Aktien (6000 Gulden), größeren Spenden aus Hinterlassenschaften und dem Grundbesitz konnte ein Neubau am oberen Marienbach geplant werden.
Am 9.8.1853 erfolgte die Grundsteinlegung, obwohl die Regierung ein in Aussicht gestelltes Jahreslegat von 500 Gulden nicht in Vollzug bringt
Am 24 Juni 1854, dem Gedächtnistag Johannis des Täufers, konnte die feierliche Einweihung stattfinden. Die Bürger nahmen daran regen Anteil und es wird berichtet: „Nur in Abteilungen konnte die drängende Menge das mit Grün und weißblauen Fähnchen geschmückte Haus besichtigen".

 

Haus1856

 

“ Der Vorsitzende Prof. Dr. von Jan ließ alle Reden ausklingen in seinem eigenen Wahlspruch: „Bete und arbeite" und bekannte sich zur Überschrift, die über der Tür stand „Der Herr ist unsere Stärke und unser Schild". Dieses Psalmwort, eingemeißelt im Sandstein des Türstocks, hat 150 Jahre überdauert und sollte auch für die Zukunft gelten.

Protestantische Waisenhausschule – Visitationsprotokolle


Unter viel Schutt und Schmutz blieben in der schwer zerstörten Kirche St. Johannis in Schweinfurt die Visitationsprotokolle der Schule lückenlos erhalten. Es sind Dokumente damaliger Lehrpläne, Stundenpläne, Macht der Obrigkeit und der geistlichen Schulaufsicht.
Hausvater und Lehrer war 1852-1879 Lahrer Jakob Aspacher.
Jedes „Protocoll“ musste nach einem vorgegebenem gedruckten Schema handschriftlich ausgefüllt und unterschrieben werden. So musste unter „Gegenwärtige“ der jeweilige – bezeichnend auch die Reihenfolge – „Districts-Polizeibeamter“, „Gemeinde-Verwaltung“, Districts-Schulinspector“, „Local-Schulinspector“ und das „Lehrerpersonal“ eingetragen werden. Als Distriktspolizeibeamte fungierten der Bürgermeister und ein Magistratsrat. Für die Visitation, die in der Regel einen halben Tag dauerte, war der weitere Verlauf vorgedruckt:
„Nachdem der Local-Schulinspector die versammelte Schuljugend vorgestellt hatte, eröffnete der Districts-Schulinspector die Schule durch eine kurze Anrede, an welche sich Gesang und Gebet von Seite der Schuljugend anreihte, und es ergab sich dabei folgendes Resultat:“
Für die Schulprüfung galt die Unterteilung in Werktags- und Feiertagsschule. Jede Schule hatte drei Klassen, die parallel im gleichen Raum an drei Tischen unterrichtet wurden. Es gab 11 Fächer:
„1.Religion, 2. Biblische Geschichte, 3. Gedächtnisübungen, 4. Lesen, 5. Schönschreiben, 6. Rechtschreiben, 7. Schriftlicher Aufsatz, 8. Rechnen mündlich und schriftlich, 9. Weltkunde (insbes. Kunde des Vaterlandes), 10. Gesang, 11. Zeichnen und Handarbeit.“
Das Auswendiglernen von Liedern und biblischen Geschichten hatte neben dem Kopfrechnen einen hohen Stellenwert.
In der Weltkunde der 3. Klasse erscheint uns heute die Bemerkung über den Nachweis des Gelernten schwer verständlich: ...“Kenntniß von allen Theilen der Erd- und Himmelskörper; Sitten und Gebräuche der Erd- und Himmelsbewohner.“
Vor dem Bezug des Neubaus waren die Verhältnisse so schlecht, dass im Visitationsprotokoll von 1853/54 über das Schulzimmer vermerkt wurde: „Dasselbe entspricht den Bedürfnissen in keiner Weise. Der Neubau eines Waisenhauses ist in Aussicht gestellt“.
Dem Lehrer und Hausvater wird ein gutes Zeugnis ausgestellt: „Schließlich muß erwähnt werden, daß man mit Freuden sowohl aus der Haltung und dem Aussehen als aus den bewiesenen Kenntnissen der Kinder in der Überzeugung sich befestigt hat, dass die Anstalt, welche nun 20 Kinder (10 Knaben und 10 Mädchen) zählt, ihren Zweck, diese verwahrlosten Kinder für die civilisierte Menschheit zu retten, zu erreichen vollkommen geeignet ist.“
Einen eigenen Abschnitt des Protokolls bilden Schulzucht und Erziehung. Zum Aussehen und zur Reinlichkeit der Kinder wird 1855 vermerkt:
„Alsbald nach dem Eintritt in die Anstalt fängt das Aussehen der Kinder an sich zu heben, nicht blos hinsichtlich des Aussehens im Allgemeinen, sondern auch hinsichtlich des Blicks, der Offenheit, der Rede, und besonders der Reinlichkeit. Ruhe, Ordnung und Aufmerksamkeit sind sehr lobenswerth, sehr brav. Bei steter Aufsicht auch bei Spaziergängen sehr befriedigend. Wenn auch trübe Erfahrungen nicht ganz ausbleiben können, da die Kinder, wenn sie ausgetreten sind, hie und da rückfällig werden, so ist doch auch in dieser Hinsicht die Erfahrung im Ganzen zufriedenstellend. Besuch der Wirtshäuser und Tanzplätze kann nicht vorkommen. Hausvater und –mutter üben treffliche Zucht immer unterstützt von Prof. Dr. von Jan.“
Das Lehrereinkommen wurde weder von der Stadt noch vom Staat bezahlt. „Der Lehrer und Hausvater bezieht 120 Gulden baar, frei Kost und Logis, Licht, Holz, welches aus den Einnahmen der Anstalt durch Liebesgaben bestritten werden“.

Die Hauseltern waren praktisch ständig im Einsatz, Ferien gab es nicht („Eigentliche zusammenhängende Ferien finden bei dem ununterbrochenen Aufenthalte der Kinder im Hause nicht statt“). Bei der Frage nach Verdingen, Verwendung der Kinder zum Hüten etc. finden wir den Eintrag: „Kann nicht vorkommen. Die Kinder arbeiten stets unter Aufsicht im Garten, auf dem Felde, im Hause (Nähen, Stricken, Strohflechten etc.)“
Die Beharrlichkeit, Güte und Strenge der Hauseltern wird mit deren tiefer Gläubigkeit und Nächstenliebe begründet. Zum festen Tagesablauf (im Sommer Aufstehen um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr) gehörte eine Morgen- und Abendandacht. Jeden Sonn- und Feiertag wurde in St. Johannis der Gottesdienst besucht und mittags gab es eine Repetition der gehörten Predigt.

 


 

Obrigkeit und Rettungshaus

Während die Schweinfurter Bürger von Anfang an tatkräftig die Arbeit für das Rettungshauses großzügig unterstützten, fürchtete man offensichtlich im Magistrat, die Rechte und die Bedeutung des städtischen Pflegeschaftsrates könnten damit eingeschränkt werden.
Trotz der ständigen Einladung an die städtische Pflegeschaft blieb diese auch weiterhin den Sitzungen fern. Private Initiativen wurden, besonders wenn sie keine Kosten verursachten, von der Obrigkeit toleriert, aber doch mit Argwohn betrachtet.
Die Anstaltsschule findet 1853 bei den Kirchengemeindegliedern Anerkennung (Visitationsprotokoll: „Die Anstalt findet bei der Gemeinde die regste Theilnahme und erfreut sich der ansehnlichsten Gaben und Unterstützung von ihrer Seite“).
Drei Jahre später hat man offensichtlich auch die örtliche Obrigkeit von der Arbeit überzeugt (Visitationsprotokoll: „In der Stadt gewinnt die Anstalt immer mehr Anerkennung, Theilnahme und Liebe. Die Jahresbeiträge fließen reichlich, viele Stiftungen zeugen von lebendiger Theilnahme, und alle Vorurteile gegen diese Anstalt schwinden mehr und mehr.“). Und endlich heißt es bei der Visitation 1858/59: ...“Die Anstalt hat in der Stadt große Anerkennung... durch hohe Regierungsunterstützung und hat einen gesegneten Wirkungskreis“. Stolz werden deshalb auch im Schulinventar
„16 königl. Bilder mit Rahmen“ aufgeführt.

Danksagung in der örtlichen Presse:
Die Reichsunmittelbaren Evangelischen
Dörfer Sennfeld, Gochsheim und Schwebheim
helfen mit ihren Zuwendungen bis unsere Zeit
dem Haus Marienthal.
(Oberndorf ist heute
eingemeindet und Ortsteil von Schweinfurt

 

 

Die Schülerinnen und Schüler der Anstalt

Da allen Visitationsprotokollen auch Schülerlisten mit Altersangabe und Eintritt in die Anstalt beiliegen können wir uns auch vom Klientel ein gutes Bild machen. Das jüngste Kind war mit fünf Jahren, wahrscheinlich als Waisenkind, in die Anstalt gekommen. Mit 14 Jahren wurden die Zöglinge als Konfirmanden und Konfirmandinnen entlassen.

 

Eine Mutter hatte den von der Patin geschenkten Stoff für das Konfirmationskleid im Pfandhaus versetzt. Der Verein kaufte den versetzten Stoff zurück und eine Frau aus der Gemeinde "Frau Steuerlein will das Kleid machen lassen und für das Kind aufheben".
Anfangs kamen die meisten Kinder aus Schweinfurt, dann aus dem unterfränkischen Raum und aus Nürnberg. Später auch aus Thüringen, Coburg-Gotha und Sachsen, aus den so genannten „anderen Ländern“. Die Anstalt hatte einen guten Ruf und war auch für die Kommunen ausgesprochen billig. 80 Gulden pro Jahr mussten die Heimatgemeinden für einen Zögling bezahlen. Darin waren auch die Bekleidungs- und Spitalkosten enthalten.
Im Vereinsprotokollbuch werden daher auch die Absagen aufgeführt, wenn die Anstalt nicht mehr aufnahmefähig war. Aus dem Waisenhaus wurde mehr und mehr ein Rettungshaus für Kinder, die nur so in geordnetere Bahnen gebracht werden konnten. Wenn Eltern trotz Unterstützung ihre Kinder zum Betteln schickten und sie vom Schulbesuch abhielten, kamen sie auf Beschluss der Polizeibehörde in das Haus Marienthal. Und manches Kind fühlte sich dort trotz aller Strenge und Überwachung wohler als in der früheren häuslichen Umgebung. Häufig wurden Misshandlungen und schlecht verheilte Knochenbrüche bei der ärztlichen Untersuchung festgestellt.
Die meisten Kinder litten unter Frostbeulen, wovon sie leider auch im Haus Marienthal nicht kuriert werden konnten. Bei jeder Jahreszeit mussten sie sich früh im Holzzuber mit kaltem Wasser waschen. Das Haus war nicht unterkellert und bei Visitationen wurde auch die zu niedrige Raumtemperatur im Schulraum moniert. Die Schlafräume waren nicht heizbar, die Zöglinge schliefen auf Strohsäcken mit Decken. Nur dank der eigenen Landwirtschaft und der geforderten Mitarbeit der Kinder konnten größere finanzielle Defizite vermieden werden.
Jede schlechte Ernte ließ die Verantwortlichen bangen, ob die Nahrungsmittel auch über den Winter reichen würden. Nach dem verlorenen Krieg der Bayern gegen Preußen 1866 hatte man in Schweinfurt noch Glück, denn 10 km nördlich der Stadt ("am Seelvater") wurden die Armeen vom Friedensschluss „überrascht“. Die Preußen hatten den Befehl erhalten, Richtung Frankfurt zu maschieren.
Aber in einem Bittbrief an die Regierung in München, der in der Abschrift erhalten ist, wurde auf die zertrampelten und zerstörten Felder des Hauses hingewiesen.

"Hohes Central-Capitel des St. Johannis-Vereins (München)
Schweinfurt den 29. August 1866
Unter den Drangsalen des nun Gott sei Dank beendeten Krieges hat auch das hiesige Rettungshaus in verschiedener Weise zu leiden gehabt, so dass der Verwaltungsausschuss den kommenden Wintermonaten mit Besorgnis entgegensieht, und, um dem drohenden Mangel rechtzeitig zu begegnen, keinen anderen Rat weiß, als ein Hohes Central-Capitel um gnädigste Gewährung einer Unterstützung untertänigst anzugehen.
Zwar ist die hiesige Stadt von den schwersten Verheerungen des Kampfes, zu dessen Schauplatz sie am 11. und 12. Juli vorgesehen war, verschont geblieben; aber durch die Gefechtsaufstellung, welche die bayerische Armee an den genannten Tagen auf den Höhen vor der Stadt gegen Maibach zu bezogen hatte, wurden doch eine sehr große Anzahl von Feldern unmittelbar vor der Ernte zertreten und zerstampft und ein großer Teil der Ernte vernichtet. Hiervon wurden auch mehrere Felder des Rettungshauses betroffen und die Einbuße, welche daselbst von seiner Getreideernte erlitt, wird sich auf ungefähr 100 Gulden belaufen. Ebenso erlitt das Rettungshaus auf den von ihm gepachteten Wiesen jenseits des Mains, welche durch das auf denselben gelagerte Militär verwüstet wurden, einen Schaden von 40-50 Gulden.
Ist ein solcher Schaden bei der Bedeutung der Ökonomie-Erträgnisse für den Bestand des Rettungshauses schon empfindlich genug, so ist er doch leider (nicht) der einzige, welche die Kriegszeit dem Rettungshause zugefügt hat. Eine Haupteinnahmequelle desselben ist die allgemeine Wohltätigkeit. Diese aber wurde, wie freilich nur rührend anerkannt werden kann, mit Macht auf die verwundeten Krieger und auf die kriegsbeschädigten Bewohner der Rhön, des Spessart und des mittleren Maintals hingelenkt. Es ist bekannt, wie viel in dieser Richtung von den Bewohnern der Stadt Schweinfurt und den Kreisen, aus welchen das Rettungshaus sonst seine Unterstützung zu erhalten pflegte, geschehen ist. Aber eine Folge der großen Opferwilligkeit nach dieser Seite hin ist die Erscheinung, dass die Unterstützung des Rettungshauses eine ganz beträchtliche Minderung erfahren hat. Seit geraumer Zeit ist demselben keine größere Schenkung, oder Liebesgabe mehr zugekommen und es wird wohl noch eine geraume Zeit vergehen, bis die öffentliche Mildtätigkeit sich demselben in der ergiebigen Weise, welche für seinen ungeschmälerten Fortbestand nötig ist, zuwenden wird.
Ja selbst der Bezug der pflichtgemäßen Unterhaltsbeiträge für einzelne Pfleglinge des Rettungshauses ist unsicher geworden. So befinden sich z.B. aus dem Bezirksamt Gersfeld fünf Zöglinge im hiesigen Rettungshause. Trotz wiederholter Erinnerungsschreiben ist deren Kost- und Spitalgeld für das mit dem September zu Ende gehende Rechnungsjahr noch nicht das mindeste bezahlt worden und es ist sehr zu bezweifeln, ob die bevorstehende Abtretung jenes Bezirks eine günstige Änderung in dem Verhältnis zum Rettungshaus hervorbringen wird.
Unter solchen Umständen sieht sich der Verwaltungsausschuss der bitteren Sorge dem Notstand gegenüber in den nächsten Monaten 225 Gulden Kapitalzinsen und ungefähr 200 Gulden Pachtgelder zu bezahlen und die monatlich etwa 200 Gulden für belaufende Ausgaben für die täglichen Bedürfnisse von 52 Hausgenossen des Marienthales bestreiten zu sollen ohne für die nächsten 4 Monate (selbst dem günstigsten wahrscheinlichen Fall des Eingangs aller rückständigen Kostgelder angenommen) auf mehr als 700-800 Gulden Einnahmen rechnen zu dürfen. Da die Ausgaben für den Haushalt ohne Nachteil für die uns anvertrauten Kinder nicht noch mehr eingeschränkt werden dürfen, so bliebe nichts übrig als den ohnedies schon drückenden Schuldenstand des Hauses noch mehr zu erhöhen.
Dieser traurigen Aussicht zu entgehen wagt der untertänigst Unterzeichnete an ein Hohes Central-Capitel die gehorsamste Vorstellung und Bitte zu richten, Hohes Central-Capitel wolle huldvoll dem hiesigen Rettungshause Marienthal eine Unterstützung von 200-300 Gulden zufließen lassen, um den hoffentlich vorübergehenden Notstand desselben zu heben.
In tiefster Ehrerbietung verharrt
eines Hohen Central-Capitels
untertänig gehorsamster Verwaltungsausschuss des Waisen- und Rettungshauses Marienthal"
Die Briefköpfe waren sehr sorgfältig gestaltet und verfasst, aber auch in diesem Fall gab es keinen Zuschuss aus München. Die Kriegskasse musste offensichtlich erst gefüllt werden, denn die Preußen hatten Dank ihres moderneren Zündnadelgewehres den Krieg gegen Bayern gewonnen.
Die Opferbereitschaft der Bürger galt nach dem Friedensschluss den betroffenen Bewohnern der Rhön und damit blieben die Liebesgaben für das Haus aus. Der neue Grenzverlauf im Norden ließ es fraglich erscheinen, ob die Gemeinden im Preußischen weiterhin für ihre Zöglinge in Schweinfurt bezahlen würden. Es waren keine gesicherten Verhältnisse in denen der Verein arbeiten konnte, aber offensichtlich wurden die Gebete erhört und unerwartete Schenkungen bauten die Schulden wieder ab. Nach dem siegreichen Krieg 1870/71 gab es dann wieder reichlichere Zuwendungen an Legaten von Kriegsteilnehmern, die dankbar in die Heimat zurückgekehrt waren.

Körperliche Züchtigung und Strafen

Natürlich war die körperliche Züchtigung als Strafe auch in der Anstalt üblich. Schläge mit dem Stock oder mit der Hand gehörten damals zur Erziehung. Für Widersetzen gab es 16 Schläge, für Verfehlungen gegen die Hausordnung "mit der Hand sechs Streiche auf den Backen". Ein Hauslehrer wurde wegen seiner starken Züchtigung gerügt, weil auf dem blauen Oberarm eines Mädchen keine Impfung durchgeführt werden konnte. In einem handschriftlichen Jahresbericht beklagt der Vorsitzende:
..."Sie vermögen es nicht über sich, wenn sie allein im Garten oder an der Landstraße sind, das Obst unter den Bäumen liegen oder dasselbe an den Zweigen ruhig hängen zulassen. Und obgleich sie im Betrugsfalle immer bestraft werden, sei es auf diese oder auf andere Art, so lassen sie das Stenzen doch nicht. Es sind das gewöhnlich Kinder aus der untersten Volksschicht, denen ist das Stipitzen zur anderen Natur geworden. Hunger ist nicht der Grund daran, denn gerade die Unverbesserlichen machen bei den Hauptmahlzeiten am meisten nicht reinen Teller oder lassen ihr Brot aller Orten und Ecken herumfahren. Nein es ist ein ausgeprägter Zug von Genäschigkeit, der sie immer wieder nach allem lange Finger machen läßt.“

Gesundheit - Kindersterblichkeit

Der Gesundheitszustand der Kinder war im 19. Jahrhundert bei den unteren Volksschichten schlecht. Das Haus hatte immer Sterbefälle zu beklagen. Tuberkulose, Masern, eine merkwürdige „Kopfstarre“ werden als Todesursache angeführt. Die mangelhafte Ernährung und das Fehlen von Antibiotika verringerten die Lebenschancen. Die kalten Räume und die einfache Kost schwächten besonders im Winter den Allgemeinzustand der Insassen. Stellvertretend sei hier ein Eintrag im Protokollbuch aufgeführt:
„Kunigund Arndt starb am 9. März deren Effekten sollen verkauft und zu eigenen und sonstigen Kosten verwendet werden“.
Dieser herzlose Stil einer Todesnachricht soll uns jedoch nicht zu einem falschen Urteil verleiten. In den gleichen Aufzeichnungen werden seitenlang Gaben aufgeführt, die von Bürgern für die jährliche Weihnachtsbescherung gespendet wurden. Die Geschenke wurden bei renommierten Mitgliedern abgegeben, die sie selbst verpackten und am 1. Weihnachtstag zu den Kindern brachten.
Ein besonderes Anliegen der Anstalt – bis auf den heutigen Tag – war die Vermittlung einer Lehrstelle. Nach der Konfirmation wurden die Jugendlichen aus dem Heim entlassen und für sie eine Lehrstelle gesucht und oft auch gefunden:

Konfirmation - Schulentlassung - Lehrstellen

 

Am Palmsonntag wurden sechs unserer Zöglinge konfirmiert, 5 Knaben u. ein Mädchen. Im Mai darauf kam Peter K. als Knecht zu Ökonom Christof Seidlein, Philipp R. in gleicher Eigenschaft zu Ökonom Lehnert und Karl M. desgleichen zu Ökonom May hier. Max D. kam in eine Lehrer zu einem Drechslermeister in Fürth und Heinrich G. angeblich als Laufbursche nach Würzburg. Das Mädchen Katharina bleibt noch 1 Jahr in der Anstalt, Wie das bei den Anstaltsmädchen in der Regel der Fall ist. Außerdem traten im Laufe des Jahres aus Babette R. u. Johann G. Die erstere kam in den Dienst nach Frankfurt u. der letztere zu seinen Eltern nach Würzburg. Eingetreten sind im letzten Jahr 13 Knaben. Gegenwärtig haben wir 19 Knaben und 7 Mädchen; darunter 12 Kinder aus der Stadt, 11 vom Flachland und 3 aus Thüringen .Gottlob waren alle Kinder das Jahr über so gesund, daß wir keine Arzt brauchten...

Da auch Handwerksmeister dem Verein angehörten oder Mitglieder im Verwaltungsrat waren, waren sie die ersten Ansprechpartner. Sie kannten auch die Jugendlichen, die bei ihnen als Lehrlinge beginnen wollten. Finanziell war die Aufnahme eines Lehrlings aus dem Heim für den Meister ein Verlust. Ein Zögling konnte das damalige übliche Lehrgeld nicht bezahlen. Und in einem Bericht wird bitter darüber geklagt, dass die Söhne der Ökonomen keine Bauern mehr werden wollen und vom Land in die Stadt hereinkommen, um hier einen Handwerksberuf zu ergreifen. Dabei waren sie bereit ein hohes Lehrgeld zu bezahlen. Damit fielen für die Heimkinder Lehrstellen weg. Die Mädchen wurden meist als Hilfen in einen Haushalt vermittelt. War dies nicht möglich, so arbeiteten sie für geringen Lohn in der Küche und in der Landwirtschaft des Hauses.
Einem Lehrherrn hat man jedoch keinen Lehrling vermittelt. Er hatte laut Protokoll dem Hausvater erklärt:
„Ja, der soll mir nur kommen, den will ich schon; ich bin Soldat gewesen und dazu noch Unteroffizier!“
Von einem Wechsel von Zöglingen in die Fabrik wird nichts berichtet, obwohl die Kugellagerindustrie junge Arbeitskräfte aufnahm.

 

Die Industrialisierung in Schweinfurt

 

 

Im negativen Sinn wird im Protokoll von 1895 dazu berichtet:
„Junge ließ sich von seiner Mutter bereden seinen Lehrmeister durch Widerspenstigkeit so viel als möglich zu ärgern. Das tat er denn auch rechtschaffen. Als er sich aber schließlich Kopfwunden beibrachte und vorbrachte, sein Meister hätte sie ihm verursacht, entließ ihn derselbe. Seitdem arbeitet er in Fabriken, jetzt schon in der dritten und raucht und trinkt oft ärger als ein Erwachsener“.

 

Immer wieder wird in den Aufzeichnungen berichtet, dass es ein Problem gibt, einen männlichen Mitarbeiter für das Haus und die Gärten zu finden. Selbst Tagelöhner versuchen in den Fabriken einen Platz zu finden. Finanziell war die Industriearbeit offensichtlich lukrativer als die Stelle eines Hausangestellten, der auch noch am Arbeitsplatz wohnen musste.Die Zeit vor über 100 Jahren war nicht die „gute alte Zeit“.

Heimschule wird zur protestantisch konfessionellen Stiftungsschule


Auch die 27jährige aufopfernde Arbeit als Hausvater und Lehrer brachte Jakob Aspacher keine gerechte Altersversorgung. Er hatte als Lehrer einer Heimschule keine Pensionsberechtigung.
Erst am 22. September 1892 billigte nach vielen Eingaben die Regierung die Umwandlung der Heimschule in eine öffentliche Schule.
Der Stadtmagistrat erkannte in einem Vertrag dem Haus Marienthal zu, eine protestantisch konfessionelle Stiftungsschule zu führen.
Jetzt konnte neben den Hauseltern ein eigener Lehrer angestellt werden, weil seine Besoldung gesichert war.
Seit 1. April 1931 besuchten die Kinder des Hauses, jetzt in Erziehungsanstalt umbenannt, die öffentlichen Schulen.

 

 

1852 - Gründung und Anfänge von Haus Marienthal Waisenhaus - protestantische Waisenhausschule - Rettungshaus - Erziehungsanstalt

Autor: Bert Ackermann

 

Ein langer, erfolgreicher, oft auch beschwerlicher Weg, eng verbunden mit dem sozialen Engagement Schweinfurter Bürger und den gesellschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Zeit. Die Entwicklung im letzten Jahrzehnt ging hin zu mehr Sozialraumbezogenheit, Entwicklung flexibler ambulanter Angebote und Kooperation mit Schulen (Schulsozialarbeit, Übernahme der Trägerschaft der Schweinfurter Schülerhorte). Ein Blick zurück an die Wurzeln des Vereins wirft ein Licht auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von "Jugendhilfe" im 19. Jahrhundert, zeigt aber auch die enge Verbindung von Schule und Verein Haus Marienthal in dieser Zeit.

Jugendhilfe "back to the roots"?

 

1852 Not der Kinder

 

Staat und Gesellschaft im Umbruch


Im Revolutionsjahr 1848 gingen die Bürger auf die Straße, König Ludwig I. musste nach der Affäre mit Lola Montez abdanken und den Thron an seinen Sohn Max II. übergeben. Das Kommunistische Manifest erschien mit der Kampfansage: ...“ Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben die Welt zu gewinnen.“
Und in diesem Jahr 1848 spricht Johann Hinrich Wichern auf dem Kirchentag in Wittenberg in einer Stegreifrede am Grabe Luthers im Blick auf diese Aufbrüche: „Es tut Eines not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit erkenne: Die Arbeit der Inneren Mission ist mein. ... Die Liebe gehört mir wie der Glaube“. Im Sommer 1849 kam Wichern bei seiner Bayernreise auch nach Würzburg und in das benachbarte Zeilitzheim. Seine Worte rüttelten auch in Schweinfurt Gemeindeglieder wach, gegen die Not aus christlicher Verantwortung heraus zu handeln. Mit ca. 9000 Einwohnern stand die protestantische Stadt am Anfang ihrer industriellen Entwicklung.

 

 

Vereine - Obrigkeit - leere Kassen

1884 Ein "Revoluzzer" von 1884 wird zum Retter des Hauses

Autor: Bert Ackermann

 

Eine große unerwartete Spende durch einen „Freigeist“ und einem Auswanderer nach der missglückten Revolution von 1848 half dem Haus aus großer Not. Im Protokollbuch findet sich die Lebensgeschichte und das Vermächtnis von Kaufmann Voit, einem gebürtigen Schweinfurter, wörtlich nach seinen Aufzeichnungen:

 

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Eine Bedingung hatte Christan Hermann Voit an das Testament geknüpft:
Im Haus Marienthal musste ein Bild von ihm aufgehängt und in einer Nische musste die Urne mit seiner Asche aufbewahrt werden. An einem jährlichen Gedenktag ihm zu Ehren gab es ein Festessen für die Kinder und ein freikirchlicher Redner hielt eine Ansprache. Mit diesem "letzten Willen" wollte er sicherlich auch seine Unzufriedenheit mit der damaligen engen Verflechtung von Thron und Kirche ausdrücken. Er hatte sich 1848 die Freiheit ersehnt und wurde enttäuscht.
Die Angehörigen aus Nürnberg wurden zu diesem jährlichen Gedenktag eingeladen und kamen für diesen Tag auch nach Schweinfurt.
Sein Bild ging 1940 verloren, seine Urne blieb auf dem Schweinfurter Friedhof erhalten.

 

 

1912 - Historischer Bruch


1912 - Historisches Buch

 

Angelegt von Peter Kuhn

 

Vom 24. bis 27. Juni 1912 fand in Dresden der Allgemeine Fürsorge-Erziehungstag statt. Rechtzeitig zu diesem Ereignis erschien ein Buch mit wichtigen Beschreibungen und auch zwei Bildern vom Marienthal in Schweinfurt.

Seifert-Strausberg, P. (Hg.)
Deutsche Fürsorge-Erziehungs-Anstalten in Wort und Bild. Band 1+2. [2 Bd.]
Verlagsbuchhandlung Marhold Halle a. S. 1912 Leinen 721, 409 S.
Untertitel: Die Anstaltsfürsorge für körperlich, geistig, sittlich und wirtschaftlich Schwache im Deutschen Reich in Wort und Bild
Band 1 Seite 577-579 mit zwei Bildern vom damaligen Haus Marienthal

„Den Typus einer mehr auf städtische Verhältnisse zugeschnittenen Anstalt stellt das Waisen- und Rettungshaus Marienthal in Schweinfurt dar.
Es verdankt seine Entstehung dem im Frühling des Jahres 1851 auf Anregung des damaligen hiesigen Gymnasialprofessors Herrn v. Jahn gegründeten Hilfsverein, welcher in Erkenntnis der bestehenden Notstände im Dezember des gleichen Jahres den Beschluss zur Errichtung eines Waisen- und Rettungshauses fasste und alsbald so rasch ins Werk setzte, dass schon am 1. April 1852 mit 13 teils verwaisten, teils der Verwahrlosung ausgesetzten Kindern in einem gemieteten Lokal der Anfang zum Rettungsbetriebe gemacht werden konnte.
Da sich das Mieterlokal war bald als unzureichend erwiesen, beschloss der Verwaltungsrat am 1. Februar 1853 die Erbauung eines eigenen Hauses außerhalb der Stadt. Am 9. August desselben Jahres wurde feierlich der Grundstein gelegt und am 19. Mai 1854 das neue Gebäude bezogen. Zwei Jahre später wurde der Bau der Scheune in Angriff genommen, wieder sechs Jahre später, im Juli 1862, die Erweiterung des Hauses durch den Anbau eines Arbeits- und Schlafsaales beschlossen und durchgeführt, endlich im Sommer des Jahres 1869 das Ökonomiegebäude um ein Stockwerk erhöht und 1892 an der Hinterseite des Wohnhauses ein Anbau für Aborte aufgeführt und damit, abgesehen von den verschiedenen baulichen Änderungen und Verbesserungen im Inneren des Wohngebäudes, die äußere Gestalt des Hauses, wie es jetzt vor Augen steht und wie es die beiden beigegebenen Bilder zeigen, vollendet.


Das Waisen- und Rettungshaus Mariental liegt an der nordwestlichen Peripherie der Stadt in dem landschaftlich schönsten Teil von Schweinfurt, im Tale des Marienbaches auf eine sich zum ehemaligen Stadtwalle hinziehenden, reichlich mit Obst- und Ziergärten bedeckten Anhöhe, inmitten von zwei je ungefähr 20 Ar großen Gemüse-, Obst- und Ziergärten und besteht, wie schon erwähnt, aus einem Wohn- und Ökonomiegebäude. Letzteres ist zur Zeit außer Benutzung, das seit fünf Jahren die gesamte Ökonomie verpachtet ist, und wird jedenfalls in nächster Zeit durch Umbau und Ausstattung mit weiteren Wohnräumen und einer Schülerwerkstätte dem Anstaltsbetriebe wieder dienstbar gemacht werden. – An der südlichen und westlichen Seite des Wohnhauses befinden sich zwei geräumige Spielplätze für Knaben und Mädchen.
Durch umfangreiche und tief eingreifende Umbauten im Inneren des Wohnhauses wurden im Jahre 1905 sämtliche Wohnräume für die Zöglinge vergrößert und den Forderungen der Neuzeit entsprechend eingerichtet, so das die Anstalt obschon frei von jedem Luxus und allen solchen Bequemlichkeitseinrichtungen, welche die Kinder verweichlichen und verwöhnen und Ihnen ein späteres gutes Fortkommen sehr erschweren würden, allen billigen Anforderungen entspricht und zu den am zweckmäßigsten ausgestatteten gezählt werden darf. – Die Räumlichkeiten sind durch die Unterbringung von 50 Zöglingen – 30 Knaben und 20 Mädchen – berechnet. Sämtliche Wohn- und Schlafräume des Hauses sind mit Dauerbrandöfen versehen. Die Beleuchtung der Räume erfolgt durch Leuchtgas und zwar in der Schule und im Arbeitssaale der Kinder durch indirektes Licht nach den Angaben des Herrn Professors von Eversbusch.


Für Badegelegenheit ist durch ein ganz neu eingerichtetes, mit allen hygienische Verbesserungen ausgestattetes Badezimmer gesorgt. Der gesamte Schulunterricht wird den Zöglingen im Hause in der als öffentliche Schule anerkannten Anstaltsschule nach den Bestimmungen des unterfränkischen Kreislehrplanes durch den als Hausvater angestellten Lehrer erteilt, desgleichen auch seit neuester Zeit der auf Anordnung der königlichen Kreisregierung eingeführte Handfertigkeitsunterricht.
Durch die Errichtung so viele Anstalten zu Anfang der 50er Jahre innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit war dem Bedarf an Anstalten auf längere Zeit hinaus genügt. Darum kam es in den Jahren welche der ersten Blüteperiode unseres Rettungshauswesens nur zu vereinzelten Neugründungen aus besonderen Anlässen.“

 

Hier die beiden Bilder aus dem Buch:

 

Geschichte - Übersicht

Leitbild

Präambel

Das „Haus Marienthal“ steht in evangelischer Tradition und nimmt sich seit 1852 den unterschiedlichen und ständig veränderten Problemen von Kindern, Jugendlichen und Familien an.

Unser Leitbild ist gewachsen aus den Erfahrungen der Vergangenheit. Es ist Verpflichtung für die Gegenwart und Richtschnur auf dem Weg in die Zukunft. Es setzt Schwerpunkte für unser unternehmerisches Handeln auf der Grundlage unseres christlichen Menschenbildes.

Nicht jedes Handeln in unserer Einrichtung entspricht bereits den Vorstellungen unseres Leitbildes. Wir werden es daher zum ständigen Anlass nehmen, Schwachstellen zu erkennen und zu verändern, um uns immer mehr dem Ideal zu nähern.

Wir sind uns bewusst, dass die Praxis viele Veränderungen erfährt. Neue Ideen werden wir aufgreifen und das Leitbild weiterentwickeln.

Das Leitbild muss in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert werden. Die Qualität der Arbeit wird durch das Leitbild allein noch nicht verändert, sondern durch die Menschen, die dahinter stehen. Ihr tägliches Handeln erfüllt es mit Leben.

 

Unsere Leitsätze

  1. Wir sind ein verantwortungsbewusstes Dienstleistungsunternehmen in unserer Gesellschaft.

  2. Grundlage unserer Hilfe ist das christliche Menschenbild und dementsprechend die Achtung der Würde des Menschen.

  3. Durch unser wertorientiertes Handeln setzen wir Zeichen der Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarität.

  4. Erziehung zur verantwortlichen Mündigkeit bedeutet umgehen können mit Freiheit und Anpassung.

  5. Die Mitarbeitenden bestimmen durch ihr Handeln und ihre Haltung maßgeblich die Qualität der Arbeit.

  6. Kommunikation muss transparent und ehrlich sein.

  7. Wir streben eine bestmögliche Zusammenarbeit mit unseren Partnern an.

  8. Fachliche Standards und klare Strukturen bilden die Grundlage der Qualität unserer Arbeit.

  9. Wir hören nicht auf besser zu werden und bleiben Kritik und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen.

 

Erweiterte Leitsätze

 

  1. Wir sind ein verantwortungsbewusstes Dienstleistungsunternehmen in unserer Gesellschaft.

Mit unseren Dienstleistungen übernehmen wir Verantwortung innerhalb unserer Gesellschaft und gegenüber unserer Umwelt. In Anbetracht der heutigen gesellschaftlichen Vielfalt beinhaltet dies auch die interkulturelle Zusammenarbeit mit entsprechenden Stellen. Die Zusammenarbeit mit politisch Verantwortlichen und Behörden ist vertrauensvoll und wertschätzend.

Unsere Dienstleistungen werden in erster Linie durch die öffentliche Hand finanziert. Daraus leiten wir die Verpflichtung zur zweckbezogenen und wirtschaftlichen Verwendung dieser Mittel ab. Die Wirtschaftlichkeit bildet die Basis für einen hohen fachlichen Standard.

 

  1. Grundlage unserer Hilfe ist das christliche Menschenbild und dementsprechend die Achtung der Würde des Menschen.

Unsere Mitarbeitenden verstehen ihren Beruf als Dienst am Menschen.

Die praktische Ausübung christlicher Nächstenliebe bedeutet für uns, Menschen, die sich unseren Angeboten anvertrauen, verlässliche Hilfen zu geben, die ihnen innerhalb wie außerhalb unserer Dienstleistungen ein Leben in Würde ermöglichen, insbesondere

  • Kinder und Jugendliche bestmöglich zu fördern, dass sie im Leben bestehen können;

  • Menschen in Problemlagen zu befähigen, dass sie am Leben in der Gemeinschaft und an ihren Gütern teilhaben und im Frieden mit der sozialen Umwelt leben können.

  1. Durch unser wertorientiertes Handeln setzen wir Zeichen der Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarität.

Durch unsere Hilfe zu einem Leben in und mit der Gesellschaft leisten wir einen Beitrag zur Erhaltung des sozialen Friedens in unserem Gemeinwesen. In einer Zeit sich verschärfender innergesellschaftlicher Konkurrenz und zunehmender Konzentration auf wirtschaftliche Nützlichkeitserwägungen setzen wir durch unser praktisches Handeln ein Zeichen der Mitmenschlichkeit und Achtsamkeit. Wir betonen damit Werte, ohne die keine zivilisierte Gesellschaft existieren kann.

 

  1. Erziehung zur verantwortlichen Mündigkeit bedeutet umgehen können mit Freiheit und Anpassung.

Das Haus Marienthal versteht sich als Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unterschiedliche Hilfe- und Betreuungsformen im Rahmen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe anzubieten. Die Angebote orientieren sich dabei an den Bedürfnissen der Familien und der uns anvertrauten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Alle Menschen haben bestimmte Rechte und Pflichten, an die sie sich halten müssen. Die Rechte des einzelnen enden dort, wo die Rechte des anderen beginnen. Durch die Partizipation aller Beteiligten werden Werte und Demokratieverständnis vermittelt.

 

  1. Die Mitarbeitenden bestimmen durch ihr Handeln und ihre Haltung maßgeblich die Qualität der Arbeit.

Unsere Mitarbeitenden bringen Persönlichkeit, fachliche und soziale Kompetenz, Leistungsbereitschaft, Engagement und Teamfähigkeit in die Arbeit ein und gestalten somit die Unternehmenskultur mit. Der Umgang untereinander ist dabei geprägt von gegenseitiger Wertschätzung.

Unseren Führungsgrundsätzen liegt die Überzeugung zugrunde, dass Initiative, persönliches Engagement, Leistungsfähigkeit und Professionalität der Mitarbeitenden die Qualität der Arbeit maßgeblich bestimmen. Solche Mitarbeitenden zu gewinnen, zu fördern und weiterzubilden ist Aufgabe der qualitätsorientierten Personalentwicklung.

 

  1. Kommunikation muss transparent und ehrlich sein.

Kommunikation stellt für uns die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit innerhalb unserer Einrichtung und mit unseren Partnern dar. Damit Kommunikation jedoch effizient gelingen kann, muss sie transparent und ehrlich sein.

Transparenz in der Kommunikation ermöglicht ein besseres Verständnis von Gesamtzusammenhängen in unserer Einrichtung und führt zu einer erhöhten Akzeptanz unserer Arbeit in der Öffentlichkeit.

Ehrlich und glaubwürdig ist Kommunikation dann, wenn das, was gesagt wird, auch gelebt wird. Wir achten deshalb auf die Übereinstimmung von Wort und Tat und auf eine partnerschaftlich geprägte Kommunikation.

 

  1. Wir streben eine bestmögliche Zusammenarbeit mit unseren Partnern an.

Wir arbeiten mit unterschiedlichen Partnern zusammen und versuchen mit ihnen die bestmöglichen Bedingungen für die uns anvertrauten Menschen zu schaffen.

Partner sind für uns alle Personen und Institutionen,

  • die unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen;

  • die durch ihren eigenen Auftrag verpflichtet sind, mit den uns anvertrauten Kindern, Jugendlichen und Familien zu arbeiten; (Eltern, Jugendämter, Schulen, …)

  • die freiwillig mit Kindern, Jugendlichen und Familien arbeiten. (Kommunen, Kirchen, Vereine, …)

und uns dadurch in unseren Aufgaben unterstützen.

 

  1. Fachliche Standards und klare Strukturen bilden die Grundlage unseres Qualitätsmanagements.

Das Haus Marienthal bietet vielfältige Dienstleistungen verschiedenen Partnern an. Die Qualität dieser Leistungen wird durch hohe Standards und professionell handelnde Mitarbeitende sichergestellt. Im Rahmen unseres Qualitätsmanagements werden diese Standards festgelegt und regelmäßig überprüft.

 

  1. Wir hören nicht auf besser zu werden und bleiben Kritik und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen.

Wir wollen in der Region das führende Unternehmen im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe sein. Innovation, Kreativität und flexibles Handeln aufgrund neuer Herausforderungen helfen uns dieses Ziel zu erreichen. Dabei bauen Innovationen auf sinnvoll bewährten Traditionen auf. Alle Mitarbeitenden setzen ihr Wissen und Können dafür ein, Konzeptionen und Fachlichkeit weiter zu entwickeln. Auch Gutes kann verbessert werden.

Haus Marienthal gGmbH
Evangelische Kinder- Jugend und Familienhilfe Schweinfurt
Am Oberen Marienbach 7, 97421 Schweinfurt, Tel: 09721  72840, Fax: 09721 728435