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1853 - Neubau am Marienbach - Einweihung - Heimschule

Autor: Bert Ackermann

 

Nach der Kassentrennung hatte der Hilfsverein bei der Jahresversammlung sich zur Errichtung eines Waisen- und Rettungshauses entschlossen mit dem Bekenntnis „Wir wollen dies Werk beginnen im Namen des Herrn, der ihm den Segen nicht versagen wird“. Eile war geboten. Pfarrer Bundschuh stellte seinen in der Johannisgasse 598 gelegenen Privatbesitz zur Verfügung. Am 25.06.1852 hat der Hilfsverein in feierlicher Stunde und unter Anwesenheit der Stadtgeistlichkeit, Vertretern der Staatsregierung, der Stadtverwaltung und vieler Bürger die Anstalt mit neun Knaben und neun Mädchen eröffnet. Die ersten aufgenommenen Kinder waren von der städtischen Armenpflege ausgewählt worden Der Verein stellte als Lehrer und Hausvater Jakob Aspacher an, der zusammen mit seiner Frau und seinem Kind auch im Hause wohnte. Das Haus war sehr klein und stand nur zeitlich begrenzt zur Verfügung, aber dem Kinderbetteln konnte so zunächst Einhalt geboten werden.

Der Verein wandte sich wieder an die Gemeindeglieder und warb zum Kauf von „Haus-Actien“, Wertpapieren mit 3 % Verzinsung in Stücken zu 25, 50 und 100 Gulden. Schenkungen von Bargeld und Grundstücken zeigen uns heute beschämend die Opferbereitschaft auch kleiner Leute. „Um der Liebe Christi Willen“ war keine leere Floskel, sondern gab allen Beteiligten immer Mut zum Handeln. Die Kinder bewirtschafteten mit den Hauseltern die überlassenen Grundstücke und konnten so einen Teil der laufenden Kosten selbst decken. Die Kinder wohnten im Hause und wurden dort auch unterrichtet.

Mit dem Geld aus dem Verkauf der Aktien (6000 Gulden), größeren Spenden aus Hinterlassenschaften und dem Grundbesitz konnte ein Neubau am oberen Marienbach geplant werden. Am 09.08.1853 erfolgte die Grundsteinlegung, obwohl die Regierung ein in Aussicht gestelltes Jahreslegat von 500 Gulden nicht in Vollzug bringt. Am 24.06.1854, dem Gedächtnistag Johannis des Täufers, konnte die feierliche Einweihung stattfinden. Die Bürger nahmen daran regen Anteil, und es wird berichtet: „Nur in Abteilungen konnte die drängende Menge das mit Grün und weißblauen Fähnchen geschmückte Haus besichtigen".

 

Haus1856

 

„Der Vorsitzende Prof. Dr. von Jan ließ alle Reden ausklingen in seinem eigenen Wahlspruch: „Bete und arbeite" und bekannte sich zur Überschrift, die über der Tür stand „Der Herr ist unsere Stärke und unser Schild". Dieses Psalmwort, eingemeißelt im Sandstein des Türstocks, hat 150 Jahre überdauert und sollte auch für die Zukunft gelten.

Protestantische Waisenhausschule – Visitationsprotokolle

Unter viel Schutt und Schmutz blieben in der schwer zerstörten Kirche St. Johannis in Schweinfurt die Visitationsprotokolle der Schule lückenlos erhalten. Es sind Dokumente damaliger Lehrpläne, Stundenpläne, Macht der Obrigkeit und der geistlichen Schulaufsicht. Hausvater und Lehrer war 1852-1879 Lahrer Jakob Aspacher. Jedes „Protocoll“ musste nach einem vorgegebenem gedruckten Schema handschriftlich ausgefüllt und unterschrieben werden. So musste unter „Gegenwärtige“ der jeweilige – bezeichnend auch die Reihenfolge – „Districts-Polizeibeamter“, „Gemeinde-Verwaltung“, Districts-Schulinspector“, „Local-Schulinspector“ und das „Lehrerpersonal“ eingetragen werden. Als Distriktspolizeibeamte fungierten der Bürgermeister und ein Magistratsrat. Für die Visitation, die in der Regel einen halben Tag dauerte, war der weitere Verlauf vorgedruckt:

„Nachdem der Local-Schulinspector die versammelte Schuljugend vorgestellt hatte, eröffnete der Districts-Schulinspector die Schule durch eine kurze Anrede, an welche sich Gesang und Gebet von Seite der Schuljugend anreihte, und es ergab sich dabei folgendes Resultat: „Für die Schulprüfung galt die Unterteilung in Werktags- und Feiertagsschule. Jede Schule hatte drei Klassen, die parallel im gleichen Raum an drei Tischen unterrichtet wurden. Es gab 11 Fächer: „1.Religion, 2. Biblische Geschichte, 3. Gedächtnisübungen, 4. Lesen, 5. Schönschreiben, 6. Rechtschreiben, 7. Schriftlicher Aufsatz, 8. Rechnen mündlich und schriftlich, 9. Weltkunde (insbes. Kunde des Vaterlandes), 10. Gesang, 11. Zeichnen und Handarbeit.“ Das Auswendiglernen von Liedern und biblischen Geschichten hatte neben dem Kopfrechnen einen hohen Stellenwert. In der Weltkunde der 3. Klasse erscheint uns heute die Bemerkung über den Nachweis des Gelernten schwer verständlich: ... „Kenntniß von allen Theilen der Erd- und Himmelskörper; Sitten und Gebräuche der Erd- und Himmelsbewohner.“ Vor dem Bezug des Neubaus waren die Verhältnisse so schlecht, dass im Visitationsprotokoll von 1853/54 über das Schulzimmer vermerkt wurde: „Dasselbe entspricht den Bedürfnissen in keiner Weise. Der Neubau eines Waisenhauses ist in Aussicht gestellt“. Dem Lehrer und Hausvater wird ein gutes Zeugnis ausgestellt: „Schließlich muß erwähnt werden, daß man mit Freuden sowohl aus der Haltung und dem Aussehen als aus den bewiesenen Kenntnissen der Kinder in der Überzeugung sich befestigt hat, dass die Anstalt, welche nun 20 Kinder (10 Knaben und 10 Mädchen) zählt, ihren Zweck, diese verwahrlosten Kinder für die civilisierte Menschheit zu retten, zu erreichen vollkommen geeignet ist.“ Einen eigenen Abschnitt des Protokolls bilden Schulzucht und Erziehung. Zum Aussehen und zur Reinlichkeit der Kinder wird 1855 vermerkt: „Alsbald nach dem Eintritt in die Anstalt fängt das Aussehen der Kinder an sich zu heben, nicht blos hinsichtlich des Aussehens im Allgemeinen, sondern auch hinsichtlich des Blicks, der Offenheit, der Rede, und besonders der Reinlichkeit. Ruhe, Ordnung und Aufmerksamkeit sind sehr lobenswerth, sehr brav. Bei steter Aufsicht auch bei Spaziergängen sehr befriedigend. Wenn auch trübe Erfahrungen nicht ganz ausbleiben können, da die Kinder, wenn sie ausgetreten sind, hie und da rückfällig werden, so ist doch auch in dieser Hinsicht die Erfahrung im Ganzen zufriedenstellend. Besuch der Wirtshäuser und Tanzplätze kann nicht vorkommen. Hausvater und –mutter üben treffliche Zucht immer unterstützt von Prof. Dr. von Jan.“ Das Lehrereinkommen wurde weder von der Stadt noch vom Staat bezahlt. „Der Lehrer und Hausvater bezieht 120 Gulden baar, frei Kost und Logis, Licht, Holz, welches aus den Einnahmen der Anstalt durch Liebesgaben bestritten werden“.

Die Hauseltern waren praktisch ständig im Einsatz, Ferien gab es nicht („Eigentliche zusammenhängende Ferien finden bei dem ununterbrochenen Aufenthalte der Kinder im Hause nicht statt“). Bei der Frage nach Verdingen, Verwendung der Kinder zum Hüten etc. finden wir den Eintrag: „Kann nicht vorkommen. Die Kinder arbeiten stets unter Aufsicht im Garten, auf dem Felde, im Hause (Nähen, Stricken, Strohflechten etc.)“ Die Beharrlichkeit, Güte und Strenge der Hauseltern wird mit deren tiefer Gläubigkeit und Nächstenliebe begründet. Zum festen Tagesablauf (im Sommer Aufstehen um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr) gehörte eine Morgen- und Abendandacht. Jeden Sonn- und Feiertag wurde in St. Johannis der Gottesdienst besucht und mittags gab es eine Repetition der gehörten Predigt.

 


Obrigkeit und Rettungshaus

Während die Schweinfurter Bürger von Anfang an tatkräftig die Arbeit für das Rettungshauses großzügig unterstützten, fürchtete man offensichtlich im Magistrat, die Rechte und die Bedeutung des städtischen Pflegeschaftsrates könnten damit eingeschränkt werden. Trotz der ständigen Einladung an die städtische Pflegeschaft blieb diese auch weiterhin den Sitzungen fern. Private Initiativen wurden, besonders wenn sie keine Kosten verursachten, von der Obrigkeit toleriert, aber doch mit Argwohn betrachtet. Die Anstaltsschule findet 1853 bei den Kirchengemeindegliedern Anerkennung (Visitationsprotokoll: „Die Anstalt findet bei der Gemeinde die regste Theilnahme und erfreut sich der ansehnlichsten Gaben und Unterstützung von ihrer Seite“). Drei Jahre später hat man offensichtlich auch die örtliche Obrigkeit von der Arbeit überzeugt (Visitationsprotokoll: „In der Stadt gewinnt die Anstalt immer mehr Anerkennung, Theilnahme und Liebe. Die Jahresbeiträge fließen reichlich, viele Stiftungen zeugen von lebendiger Theilnahme, und alle Vorurteile gegen diese Anstalt schwinden mehr und mehr.“). Und endlich heißt es bei der Visitation 1858/59: ... „Die Anstalt hat in der Stadt große Anerkennung ... durch hohe Regierungsunterstützung und hat einen gesegneten Wirkungskreis“. Stolz werden deshalb auch im Schulinventar „16 königl. Bilder mit Rahmen“ aufgeführt.

Danksagung in der örtlichen Presse: Die Reichsunmittelbaren Evangelischen Dörfer Sennfeld, Gochsheim und Schwebheim helfen mit ihren Zuwendungen bis unsere Zeit dem Haus Marienthal. (Oberndorf ist heute eingemeindet und Ortsteil von Schweinfurt

 

Die Schülerinnen und Schüler der Anstalt

Da allen Visitationsprotokollen auch Schülerlisten mit Altersangabe und Eintritt in die Anstalt beiliegen können wir uns auch vom Klientel ein gutes Bild machen. Das jüngste Kind war mit fünf Jahren, wahrscheinlich als Waisenkind, in die Anstalt gekommen. Mit 14 Jahren wurden die Zöglinge als Konfirmanden und Konfirmandinnen entlassen.

 

 

Eine Mutter hatte den von der Patin geschenkten Stoff für das Konfirmationskleid im Pfandhaus versetzt. Der Verein kaufte den versetzten Stoff zurück und eine Frau aus der Gemeinde "Frau Steuerlein will das Kleid machen lassen und für das Kind aufheben". Anfangs kamen die meisten Kinder aus Schweinfurt, dann aus dem unterfränkischen Raum und aus Nürnberg. Später auch aus Thüringen, Coburg-Gotha und Sachsen, aus den so genannten „anderen Ländern“. Die Anstalt hatte einen guten Ruf und war auch für die Kommunen ausgesprochen billig. 80 Gulden pro Jahr mussten die Heimatgemeinden für einen Zögling bezahlen. Darin waren auch die Bekleidungs- und Spitalkosten enthalten. Im Vereinsprotokollbuch werden daher auch die Absagen aufgeführt, wenn die Anstalt nicht mehr aufnahmefähig war. Aus dem Waisenhaus wurde mehr und mehr ein Rettungshaus für Kinder, die nur so in geordnetere Bahnen gebracht werden konnten. Wenn Eltern trotz Unterstützung ihre Kinder zum Betteln schickten und sie vom Schulbesuch abhielten, kamen sie auf Beschluss der Polizeibehörde in das Haus Marienthal. Und manches Kind fühlte sich dort trotz aller Strenge und Überwachung wohler als in der früheren häuslichen Umgebung. Häufig wurden Misshandlungen und schlecht verheilte Knochenbrüche bei der ärztlichen Untersuchung festgestellt. Die meisten Kinder litten unter Frostbeulen, wovon sie leider auch im Haus Marienthal nicht kuriert werden konnten. Bei jeder Jahreszeit mussten sie sich früh im Holzzuber mit kaltem Wasser waschen. Das Haus war nicht unterkellert und bei Visitationen wurde auch die zu niedrige Raumtemperatur im Schulraum moniert. Die Schlafräume waren nicht heizbar, die Zöglinge schliefen auf Strohsäcken mit Decken. Nur dank der eigenen Landwirtschaft und der geforderten Mitarbeit der Kinder konnten größere finanzielle Defizite vermieden werden. Jede schlechte Ernte ließ die Verantwortlichen bangen, ob die Nahrungsmittel auch über den Winter reichen würden. Nach dem verlorenen Krieg der Bayern gegen Preußen 1866 hatte man in Schweinfurt noch Glück, denn 10 km nördlich der Stadt ("am Seelvater") wurden die Armeen vom Friedensschluss „überrascht“. Die Preußen hatten den Befehl erhalten, Richtung Frankfurt zu maschieren. Aber in einem Bittbrief an die Regierung in München, der in der Abschrift erhalten ist, wurde auf die zertrampelten und zerstörten Felder des Hauses hingewiesen.

"Hohes Central-Capitel des St. Johannis-Vereins (München) Schweinfurt den 29. August 1866. Unter den Drangsalen des nun Gott sei Dank beendeten Krieges hat auch das hiesige Rettungshaus in verschiedener Weise zu leiden gehabt, so dass der Verwaltungsausschuss den kommenden Wintermonaten mit Besorgnis entgegensieht, und, um dem drohenden Mangel rechtzeitig zu begegnen, keinen anderen Rat weiß, als ein Hohes Central-Capitel um gnädigste Gewährung einer Unterstützung untertänigst anzugehen. Zwar ist die hiesige Stadt von den schwersten Verheerungen des Kampfes, zu dessen Schauplatz sie am 11. und 12. Juli vorgesehen war, verschont geblieben; aber durch die Gefechtsaufstellung, welche die bayerische Armee an den genannten Tagen auf den Höhen vor der Stadt gegen Maibach zu bezogen hatte, wurden doch eine sehr große Anzahl von Feldern unmittelbar vor der Ernte zertreten und zerstampft und ein großer Teil der Ernte vernichtet. Hiervon wurden auch mehrere Felder des Rettungshauses betroffen und die Einbuße, welche daselbst von seiner Getreideernte erlitt, wird sich auf ungefähr 100 Gulden belaufen. Ebenso erlitt das Rettungshaus auf den von ihm gepachteten Wiesen jenseits des Mains, welche durch das auf denselben gelagerte Militär verwüstet wurden, einen Schaden von 40-50 Gulden. Ist ein solcher Schaden bei der Bedeutung der Ökonomie-Erträgnisse für den Bestand des Rettungshauses schon empfindlich genug, so ist er doch leider (nicht) der einzige, welche die Kriegszeit dem Rettungshause zugefügt hat. Eine Haupteinnahmequelle desselben ist die allgemeine Wohltätigkeit. Diese aber wurde, wie freilich nur rührend anerkannt werden kann, mit Macht auf die verwundeten Krieger und auf die kriegsbeschädigten Bewohner der Rhön, des Spessart und des mittleren Maintals hingelenkt. Es ist bekannt, wie viel in dieser Richtung von den Bewohnern der Stadt Schweinfurt und den Kreisen, aus welchen das Rettungshaus sonst seine Unterstützung zu erhalten pflegte, geschehen ist. Aber eine Folge der großen Opferwilligkeit nach dieser Seite hin ist die Erscheinung, dass die Unterstützung des Rettungshauses eine ganz beträchtliche Minderung erfahren hat. Seit geraumer Zeit ist demselben keine größere Schenkung, oder Liebesgabe mehr zugekommen und es wird wohl noch eine geraume Zeit vergehen, bis die öffentliche Mildtätigkeit sich demselben in der ergiebigen Weise, welche für seinen ungeschmälerten Fortbestand nötig ist, zuwenden wird. Ja selbst der Bezug der pflichtgemäßen Unterhaltsbeiträge für einzelne Pfleglinge des Rettungshauses ist unsicher geworden. So befinden sich z.B. aus dem Bezirksamt Gersfeld fünf Zöglinge im hiesigen Rettungshause. Trotz wiederholter Erinnerungsschreiben ist deren Kost- und Spitalgeld für das mit dem September zu Ende gehende Rechnungsjahr noch nicht das mindeste bezahlt worden und es ist sehr zu bezweifeln, ob die bevorstehende Abtretung jenes Bezirks eine günstige Änderung in dem Verhältnis zum Rettungshaus hervorbringen wird. Unter solchen Umständen sieht sich der Verwaltungsausschuss der bitteren Sorge dem Notstand gegenüber in den nächsten Monaten 225 Gulden Kapitalzinsen und ungefähr 200 Gulden Pachtgelder zu bezahlen und die monatlich etwa 200 Gulden für belaufende Ausgaben für die täglichen Bedürfnisse von 52 Hausgenossen des Marienthales bestreiten zu sollen ohne für die nächsten 4 Monate (selbst dem günstigsten wahrscheinlichen Fall des Eingangs aller rückständigen Kostgelder angenommen) auf mehr als 700-800 Gulden Einnahmen rechnen zu dürfen. Da die Ausgaben für den Haushalt ohne Nachteil für die uns anvertrauten Kinder nicht noch mehr eingeschränkt werden dürfen, so bliebe nichts übrig als den ohnedies schon drückenden Schuldenstand des Hauses noch mehr zu erhöhen. Dieser traurigen Aussicht zu entgehen wagt der untertänigst Unterzeichnete an ein Hohes Central-Capitel die gehorsamste Vorstellung und Bitte zu richten, Hohes Central-Capitel wolle huldvoll dem hiesigen Rettungshause Marienthal eine Unterstützung von 200-300 Gulden zufließen lassen, um den hoffentlich vorübergehenden Notstand desselben zu heben. In tiefster Ehrerbietung verharrt eines Hohen Central-Capitels untertänig gehorsamster Verwaltungsausschuss des Waisen- und Rettungshauses Marienthal". Die Briefköpfe waren sehr sorgfältig gestaltet und verfasst, aber auch in diesem Fall gab es keinen Zuschuss aus München. Die Kriegskasse musste offensichtlich erst gefüllt werden, denn die Preußen hatten Dank ihres moderneren Zündnadelgewehres den Krieg gegen Bayern gewonnen. Die Opferbereitschaft der Bürger galt nach dem Friedensschluss den betroffenen Bewohnern der Rhön und damit blieben die Liebesgaben für das Haus aus. Der neue Grenzverlauf im Norden ließ es fraglich erscheinen, ob die Gemeinden im Preußischen weiterhin für ihre Zöglinge in Schweinfurt bezahlen würden. Es waren keine gesicherten Verhältnisse in denen der Verein arbeiten konnte, aber offensichtlich wurden die Gebete erhört und unerwartete Schenkungen bauten die Schulden wieder ab. Nach dem siegreichen Krieg 1870/71 gab es dann wieder reichlichere Zuwendungen an Legaten von Kriegsteilnehmern, die dankbar in die Heimat zurückgekehrt waren.

Körperliche Züchtigung und Strafen

Natürlich war die körperliche Züchtigung als Strafe auch in der Anstalt üblich. Schläge mit dem Stock oder mit der Hand gehörten damals zur Erziehung. Für Widersetzen gab es 16 Schläge, für Verfehlungen gegen die Hausordnung "mit der Hand sechs Streiche auf den Backen". Ein Hauslehrer wurde wegen seiner starken Züchtigung gerügt, weil auf dem blauen Oberarm eines Mädchen keine Impfung durchgeführt werden konnte. In einem handschriftlichen Jahresbericht beklagt der Vorsitzende: "Sie vermögen es nicht über sich, wenn sie allein im Garten oder an der Landstraße sind, das Obst unter den Bäumen liegen oder dasselbe an den Zweigen ruhig hängen zulassen. Und obgleich sie im Betrugsfalle immer bestraft werden, sei es auf diese oder auf andere Art, so lassen sie das Stenzen doch nicht. Es sind das gewöhnlich Kinder aus der untersten Volksschicht, denen ist das Stipitzen zur anderen Natur geworden. Hunger ist nicht der Grund daran, denn gerade die Unverbesserlichen machen bei den Hauptmahlzeiten am meisten nicht reinen Teller oder lassen ihr Brot aller Orten und Ecken herumfahren. Nein es ist ein ausgeprägter Zug von Genäschigkeit, der sie immer wieder nach allem lange Finger machen läßt.“

Gesundheit - Kindersterblichkeit

Der Gesundheitszustand der Kinder war im 19. Jahrhundert bei den unteren Volksschichten schlecht. Das Haus hatte immer Sterbefälle zu beklagen. Tuberkulose, Masern, eine merkwürdige „Kopfstarre“ werden als Todesursache angeführt. Die mangelhafte Ernährung und das Fehlen von Antibiotika verringerten die Lebenschancen. Die kalten Räume und die einfache Kost schwächten besonders im Winter den Allgemeinzustand der Insassen. Stellvertretend sei hier ein Eintrag im Protokollbuch aufgeführt: „Kunigund Arndt starb am 9. März deren Effekten sollen verkauft und zu eigenen und sonstigen Kosten verwendet werden“. Dieser herzlose Stil einer Todesnachricht soll uns jedoch nicht zu einem falschen Urteil verleiten. In den gleichen Aufzeichnungen werden seitenlang Gaben aufgeführt, die von Bürgern für die jährliche Weihnachtsbescherung gespendet wurden. Die Geschenke wurden bei renommierten Mitgliedern abgegeben, die sie selbst verpackten und am 1. Weihnachtstag zu den Kindern brachten. Ein besonderes Anliegen der Anstalt – bis auf den heutigen Tag – war die Vermittlung einer Lehrstelle. Nach der Konfirmation wurden die Jugendlichen aus dem Heim entlassen und für sie eine Lehrstelle gesucht und oft auch gefunden:

Konfirmation - Schulentlassung - Lehrstellen

 

Am Palmsonntag wurden sechs unserer Zöglinge konfirmiert, 5 Knaben u. ein Mädchen. Im Mai darauf kam Peter K. als Knecht zu Ökonom Christof Seidlein, Philipp R. in gleicher Eigenschaft zu Ökonom Lehnert und Karl M. desgleichen zu Ökonom May hier. Max D. kam in eine Lehrer zu einem Drechslermeister in Fürth und Heinrich G. angeblich als Laufbursche nach Würzburg. Das Mädchen Katharina bleibt noch 1 Jahr in der Anstalt, Wie das bei den Anstaltsmädchen in der Regel der Fall ist. Außerdem traten im Laufe des Jahres aus Babette R. u. Johann G. Die erstere kam in den Dienst nach Frankfurt u. der letztere zu seinen Eltern nach Würzburg. Eingetreten sind im letzten Jahr 13 Knaben. Gegenwärtig haben wir 19 Knaben und 7 Mädchen; darunter 12 Kinder aus der Stadt, 11 vom Flachland und 3 aus Thüringen .Gottlob waren alle Kinder das Jahr über so gesund, daß wir keine Arzt brauchten...

Da auch Handwerksmeister dem Verein angehörten oder Mitglieder im Verwaltungsrat waren, waren sie die ersten Ansprechpartner. Sie kannten auch die Jugendlichen, die bei ihnen als Lehrlinge beginnen wollten. Finanziell war die Aufnahme eines Lehrlings aus dem Heim für den Meister ein Verlust. Ein Zögling konnte das damalige übliche Lehrgeld nicht bezahlen. Und in einem Bericht wird bitter darüber geklagt, dass die Söhne der Ökonomen keine Bauern mehr werden wollen und vom Land in die Stadt hereinkommen, um hier einen Handwerksberuf zu ergreifen. Dabei waren sie bereit ein hohes Lehrgeld zu bezahlen. Damit fielen für die Heimkinder Lehrstellen weg. Die Mädchen wurden meist als Hilfen in einen Haushalt vermittelt. War dies nicht möglich, so arbeiteten sie für geringen Lohn in der Küche und in der Landwirtschaft des Hauses. Einem Lehrherrn hat man jedoch keinen Lehrling vermittelt. Er hatte laut Protokoll dem Hausvater erklärt: „Ja, der soll mir nur kommen, den will ich schon; ich bin Soldat gewesen und dazu noch Unteroffizier!“ Von einem Wechsel von Zöglingen in die Fabrik wird nichts berichtet, obwohl die Kugellagerindustrie junge Arbeitskräfte aufnahm.

Die Industrialisierung in Schweinfurt

 

Im negativen Sinn wird im Protokoll von 1895 dazu berichtet: „Junge ließ sich von seiner Mutter bereden seinen Lehrmeister durch Widerspenstigkeit so viel als möglich zu ärgern. Das tat er denn auch rechtschaffen. Als er sich aber schließlich Kopfwunden beibrachte und vorbrachte, sein Meister hätte sie ihm verursacht, entließ ihn derselbe. Seitdem arbeitet er in Fabriken, jetzt schon in der dritten und raucht und trinkt oft ärger als ein Erwachsener“.

Immer wieder wird in den Aufzeichnungen berichtet, dass es ein Problem gibt, einen männlichen Mitarbeiter für das Haus und die Gärten zu finden. Selbst Tagelöhner versuchen in den Fabriken einen Platz zu finden. Finanziell war die Industriearbeit offensichtlich lukrativer als die Stelle eines Hausangestellten, der auch noch am Arbeitsplatz wohnen musste.Die Zeit vor über 100 Jahren war nicht die „gute alte Zeit“.

Heimschule wird zur protestantisch konfessionellen Stiftungsschule

Auch die 27jährige aufopfernde Arbeit als Hausvater und Lehrer brachte Jakob Aspacher keine gerechte Altersversorgung. Er hatte als Lehrer einer Heimschule keine Pensionsberechtigung. Erst am 22. September 1892 billigte nach vielen Eingaben die Regierung die Umwandlung der Heimschule in eine öffentliche Schule. Der Stadtmagistrat erkannte in einem Vertrag dem Haus Marienthal zu, eine protestantisch konfessionelle Stiftungsschule zu führen. Jetzt konnte neben den Hauseltern ein eigener Lehrer angestellt werden, weil seine Besoldung gesichert war. Seit 1. April 1931 besuchten die Kinder des Hauses, jetzt in Erziehungsanstalt umbenannt, die öffentlichen Schulen.

Haus Marienthal gGmbH
Evangelische Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Schweinfurt
Am Oberen Marienbach 7, 97421 Schweinfurt, Telefon: 09721 / 72840, Telefax: 09721 / 728435